…ich entschied mich fuer’s Fliegen! Das Hostel in New York sicherte mir zu, den Reisepass gleich am Freitag per FedEx Express rauszusenden. Puuuh, somit sollte dieser dann am Samstag, spaetestens jedoch am Montag in Seattle eintreffen und ich wuerde hoechstens den ersten Tag meines Schreinerkurses in der Naehe von Vancouver, Kanada verpassen. Eine Umbuchung des Fluges war somit gluecklicherweise nicht erforderlich. Doch diese Entscheidung sollte noch ihre Auswirkungen haben. Nach einem langen und verspaeteten Flug – nicht wegen mir! – kam ich dann endlich gegen 3 Uhr morgens im Hostel Seattle an…voellig fertig…Reisen strengt doch ganz schoen an.
Tag 1 – Freitag, 11.07.
Im Hostel, welches ein wenig ausserhalb vom Stadtzentrum in einer Fischergemeinde namens Ballard liegt, kommt man unweigerlich im sehr chilligen Living Room (Kueche & Wohnzimmer zugleich) mit allen Wohnparteien beim Freuhstueck zusammen. Und so entstanden auch gleich die ersten internationalen Kontakte. Einer davon fuehrte ein infernales Trio leider nur auf kurze Zeit zusammen. Um mich ein wenig gedanklich zu zerstreuen, bin ich der Einladung von Karin (Schweiz) und Tracey (Neuseeland), mit ihnen den Tag zu verbringen, gefolgt. Da ich nicht genau wusste, wie lange ich noch in Seattle sein wuerde, bot es sich ja an, wie eine kleine Touristenhorde die unzaehligen Sehenswuerdigkeiten abzuklappern. “Ride the Ducks” – eine Stadtrundfahrt zu Land und zu Wasser mit einem busaehnlichen Amphibienfahrzeug aus den 1930ern hat doch was. Neben ein paar Infos zu Seattle selbst, waren auch wunderbare Aussichten auf die umliegenden Berge dabei. Nur die animateuraehnliche Auswahl von begleitender Musik und der dauernd wechselnden Kopfbedeckung unseres Fahrers fand ich dann doch zu schraeg…so stell’ ich mir “begeisternden” Kluburlaub vor: “Hey, clap your hands, everybody…”:o)
Den Ausklang fand dieser sehr unterhaltsame Tag bei Pasta und Wein mit Tracey an der Strandpromenade von Seattle…herrlich…somewhere far beyond New York (die Pasta meine ich!).
Tag 2 – Samstag, 12.07.
Vormittags:
Nachdem mein Reisepass noch nicht angekommen war, taetigte ich einen absichernden Anruf im New Yorker Hostel. Dieser brachte zwar nicht mehr Gewissheit, denn die verantwortlichen Personen (Manager etc.) waren nicht da, aber immerhin war auch mein Reisepass im Office nicht zu finden. Somit sollte er unterwegs sein. Das hiess dann fuer mich, noch bis Montag warten und fuer weitere zwei Naechte im Hostel buchen.
Nachmittags:
Den Nachmittag und Abend verbrachte ich dann in der ueberaus kuschligen Kissenecke des Hostels mit dem GoLive meiner Blogseite…denn die ersten Klagen flogen bereits aus Deutschland ein…um genau zu sein: aus dem ungeduldigen Bayern! ;o)
Tag 3 – Sonntag, 13.07.
Vormittags:
Auf der “Ride the Ducks”-Tour hatten wir es ja bereits aus der Ferne sehen koennen. Karin und ich wollten es uns aber gern vor ihrer Abreise zum Olympic Park noch aus der Naehe anschauen: Das Boothaus aus “Schlaflos in Seattle” (Meg Ryan & Tom Hanks: Verlieben, Knutschen…na, Ihr wisst schon, welchen Film ich meine!) in dem Tom Hanks gewohnt hat. Wunderschoen ruhig am Ufer eines Segelclubs gelegen. Und wenn man ehrlich ist, erfuellen diese Boothaeuser mehr als nur den Anspruch eines schwimmendes Toilettenhaeuschens ;o) Sehr coole Wohnalternative.
Nachmittags:
Abends hab ich mich dann noch mit den anderen aus dem Hostel auf eine Priese Kultur im Volunteer Park getroffen. Dieser bietet einen traumhaften Blick ueber die Skyline von Seattle incl. Sonnenuntergang. Dieser war jedoch nur Rahmenprogramm zum letzten Aufgalopp des “Shakespeare in the Park”-Open Air Festivals. Und natuerlich, wie soll es anders sein, es wurde “Romeo & Juliet” aufgefuehrt…hach, was fuer ein “ramontischer” Tag!
Tag 4 – Montag, 14.07.
Vormittags:
Die Fieberkurve steigt: Gleich kommt mein Reisepass mit der Post!…Oder auch nicht! Nachdem ich die vier Quarters (4 x 25 Cents) fuer unser Haustelefon zusammengekratzt hatte, liess mich die Anwort der Hostel-Angestellten in New York in einen Zustand aus Unglaeubigkeit und Hilflosigkeit erstarren. Wie jetzt…der Pass liegt noch in New York?!? Aeaeaehh…Gute Dame, ich muesste aber seit heute morgen auf der anderen Seite der Grenze sein! Gut, sie hatten meine Adresse in Seattle am Donnerstag verlegt/verloren und wuerden ihn nun rausschicken. Also, auf ein bis zwei weitere Naechte im gluecklicherweise sehr angenehmen Hostel einstellen.
Nachmittags:
Endlich wieder Radeln! Nachdem ich mein neues Bettchen im Untergeschoss bezogen hatte, schnappte ich mir den hauseigenen Beach-Cruiser und radelte zum Strand der Bucht von Ballard, vorbei an hunderten von Segelbooten und Yachten…ein Meer aus weissen Masten. Das ein oder andere Segel wurde auch noch zu einer kleinen Feierabendrunde gehisst…raus in die Bucht…raus in den Pazifik. Und ich? Ich durfte endlich beim Beachvolleyball mitspielen…wobei das nicht unter “in Form bringen” verbucht werden konnte. Fuer den Rest des Abends goennte ich mir einen Besuch im Ray’s. Wohl dem Fisch-Restaurant in Seattle schlechthin. Ich als eigentlicher Nicht-Fischesser fand den King Salmon, umrahmt vom Sonnenuntergang ueber der Bucht, super lecker. Leider nur konnte ich den Einpark-Service nicht nutzen, da ich erstens kein Auto hatte und zweitens das Anlassen und Wenden des Autos sowie dem Auffahren auf den Parkplatz auf der gegenueberliegenden Strassenseite (Ray’s Parkplatz) laenger gedauert haette, als den Weg zu Fuss zu gehen.
Tag 5 – Dienstag, 15.07.
Vormittags:
Eine Fieberkurve konnte sich erst gar nicht aufbauen, da ich schon damit gerechnet hatte, den Pass erst am Mittwoch in meinen Haenden halten zu koennen. Der Anruf in New York verstaerkte diese Hoffnung, denn dort war er auch nicht mehr zu finden. Aber nix Genaues wusste man nicht!
Nachmittags:
Mit Christoph, dem Rostocker aus Mannheim (?!), bin ich dann zum Pike Place Market. Frischer Fisch, Fruechte, Gemuese und nicht zu vergessen suendige Suessigkeiten in Huelle und Fuelle an verschiedenen Staenden. Ein ueberweltigendes Farbenmeer. Nachdem uns ein frisch zubereiteter Salmon-Burger neue Kraft verlieh, ging’s ab zur Underground-Tour von Seattle. Denn Seattle wurde nach einem grossen Brand in 1889 quasi eine Etage hoeher neu errichtet. Die alten Eingaenge der Geschaefte sind jedoch im Untergrund noch zu besichtigen.
Tag 6 – Mittwoch, 16.07.
Vormittags:
So, JETZT! Fieberkurve steigt……….wieder nichts! Ooooh, ich werd’ noch zum Elch. Als ich latent gereizt in New York wieder anrufe – meine Quarters gehen mir langsam aus – um nachzufragen, mit welchem Service der Pass rausgeschickt wurde, erwidert eine Gleichgueltigkeit verstroemende Stimme, dass dieser noch im Hostel sei…WO?!? Nee, is nich wahr! Nur das umgehend einsetzende Hilflosigkeitsgefuehl konnte die aufsteigende Wut ueber mich und meinen Fehler sowie die Nichtbeachtung meiner Besorgnis am anderen Ende der Leitung stoppen und somit ein Telefonapparatleben retten. An ein umgehendes Raussenden war nun nach Aussage aus New York nicht mehr zu denken, denn es war ja bereits 16:15 Uhr Ortszeit!??? Wann machen FedEx oder UPS dicht? Doch nicht etwa um vier, wenn’s um Overnight-Express geht. “Ich moechte bitte den Manag…aja, der ist ja ab vier auch nicht mehr da!”…kennt Ihr das kleine bockende Kind mit geballten Faeusten, zugekniffenden Augen und hochrotem Kopf? Ich glaub’, das war ich in diesem Moment…nix geht vor, nix zurueck. Achja, weitere Nacht im Hostel gebucht…im Keller auf der Couch…alle Betten belegt…alles egal. Bei den Neuankoemmlingen im Hostel werde ich bei ihrer Hausbegehung mittlerweile schon mit: “And that, that is Sascha. He is living here!” vorgestellt…der Zynismus macht sich bei Lee, Abby, Alex und mir mehr und mehr breit. Sonst hielte man es auch nicht mehr aus.
Nachmittags:
Bei akuter Schraeglage des Gemuets muss unbedingt Seelenpflege her! Waehrend sich also meine Waesche in der Waescherei der alten Energien entledigte, konnte ich mich um meinen Unterzucker kuemmern…auf chinesische Art…haaaa. Das tat gut. Fehlt nur noch der letzte Schliff fuer einen Neustart – Frauen (Anja), ich hab’ aufgepasst: Ab zum Fiseur! Die Matte musste runter…da ist man doch gleich ein anderer Mensch.
Tag 7 – Donnerstag, 17.07.
Vormittags:
Mittlerweile ist’s mir egal wann er in dieser Woche noch kommt, da ich eh nicht mehr sinnvoll an der ersten Woche des Kurses teilnehmen kann. Aber er soll endlich abgeschickt werden. Aufgrund des fehlenden Vertrauens in das New Yorker Hostels waehle ich wieder 1-212-865-…die kann ich nun schon im Schlaf eintippen. Und? Siehe da! Er liegt noch da! Ich glaub’, den hat einer mit Kaugummi festgeklebt. Nachdem ich nun auch verbal gegenueber dem Manager meinen Zorn kundgetan hatte, kam diesmal die Aus(rede)sage, sie waeren “in den letzten Tagen ein wenig behaeftigt gewesen…aeaeaehh, in der letzten Woche…” Aha, und ich dachte immer, Rush-Hour in einem Hostel ist immer morgens und abends und zwichendurch findet “Selbstudium” statt!?!
Sehr lange Rede, kurzer Sinn:
Nachdem mir die Info gesteckt wurde, dass FedEx 7 Tage die Woche versendet (aahhh!) und man auch selbst eine Abholung beauftragen koennte, war das meine vermeintliche Rettung und wurde so auch mit dem New Yorker Hostel abgestimmt. Fehlte nur noch ein FedEx-Kundenkonto…ueber Deutschland ging nichts, da Zeitverschiebung: Deutschland schlief tief und fest…ein amerikanisches erfordert eine amerikaniche Kreditkartenrechnungsadresse…da fall’ ich wohl raus…schluck!
Alternativen:
Hat Hostel Seattle ein Kundenkonto? Nein!
Ray’s gegenueber? Ja!
Okay, jetzt muss der deutsche jugendliche Charme ausgepackt werden, Saschi!
Und der scheint wohl auch geholfen zu haben. Eine sehr kompetent(e) (wirkende) Mitarbeiterin aus der Abrechnungsabteilung von Ray’s leitete alles ueber ihr Kundenkonto in die Wege. Musste nur noch das New Yorker Hostel informiert werden, dass FedEx in der kommenden Stunde den Reisepass abholt. Dort hatte jedoch der Manager incl. meinem Pass das Haus verlassen, denn es war ja mittlerweile schon nach 16:00 Uhr Ortszeit. Was will der mit meinem Pass? Selbst bei der Post einwerfen? Das war so nicht abgemacht…Spielverderber! Irgendwie scheinen seine Kolleg(inn)en dann doch mal am Ende dieser langen Odyssee einen Finger geruehrt zu haben. Jedenfalls meinten sie eine Stunde spaeter, FedEx sei gerade hier gewesen und habe den Pass abgeholt.
Nachmittags:
Erholung und abends mit einigen aus dem Hostel zum “Open Mic” nach Ballard “Downtown”. Wunderbarer Abschluss einer trotz aller Aufregung angenehmen Woche. Verschiedene Hobby-Kuenstler “performten” sowohl in musikalischer als auch in poetischer Hinsicht. Hoehepunkt war eine Didgeridoo-E-Violinen-Percussion-Combo…ride on!
Tag 8 – Freitag, 18.07.
Vormittags:
Rucksack ist, wie an allen anderen Tagen auch, gepackt. Anruf von Ray’s um 10:30 Uhr: ER ist da, wie von FedEx avisiert, nach exactement 17,5 Stunden. An diesem Morgen hat man einen kleinen Jungen ueber die Strasse zur Beschehrung rennen sehen. Aus urspruenglich einer geplanten Uebernachtung sind somit acht Naechte geworden.
Unterm Strich…
- Bin ich finanziell (Uebernachtung, Schreinerkurs), wie lerntechnisch (Schreinerkurs) nicht bestraft worden, da ich das bereits gebuchte Hostel in Roberts Creek (Naehe Vancouver) nicht bezahlen musste und ich mittlerweile beim Schreinerkurs alles nacharbeiten kann…incl. tatkraeftiger Unterstuetzung unseres Lehrers Robert
- Habe ich eine grosse Lektion zum Thema “Eigenverantwortung” bekommen…zum Glueck zu Beginn der Reise!
P.S. Waehrend ich hier sitze und den Artikel schreibe, ertoent just in diesem Moment Israel Kamakawiwo Ole mit “Somewhere over the rainbow” im Radio…welch’ Seelenheil!
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